Ich bin ja in allem etwas träge. Meine Eltern amüsiert es immer sehr wenn sie erfahren dass ich auf andere Menschen den Eindruck eines dynamisch, lebendigen Typs erwecken kann. Denn meine Eltern kennen mich ja von Geburt an und wissen um die Wahrheit. Ein Beweis meiner Trantütigkeit ist mein Führerschein:
Ich hatte da ja eigentlich keine Lust zu. Aber ich hatte damals einen Freund, der darauf bestand dass ich ihn machte. Nun wohnten wir recht ländlich, direkt an der Grenze zwischen Ummeln und Steinhagen und die Fahrschule war in Quelle. Das bedeutete für mich dass ich mit dem Rad nach Ummeln/Steinhagen, aber leider nicht unsere Grenzecke, zur Arbeit fahren musste. Anschließend ging es munter mit dem Rad nach Quelle weiter. BOAH! Hätte ich Radsportlerin werden wollen wäre das ein gutes Ausdauertraining gewesen. Aber ich wusste seit ich denken konnte dass mein Traumberuf Vorschläfer in Möbelhausbetten ist. So dauerte es recht lange, bis ich endlich mal zur Führerscheinprüfung angemeldet werden konnte. Sehr lange. Noch länger. Eigentlich hatten alle schon die Hoffnung aufgegeben dass ich überhaupt noch mal eine Prüfung mache. Aber ich tat es. Doch erschöpft von der vielen Radelei, wie ich nun mal war, hatte ich das Lernen völlig vergessen. Ich fiel auch prompt gleich in der schriftlichen Prüfung durch. Was niemanden verwunderte.
So ging wieder viel Zeit ins Land und irgendwann wollte mein Fahrlehrer mich dann doch los werden und meldete mich wieder an. Ich war ein zweites mal so blöd und erzählte allen dass Tag X nun wieder fest steht. Vor lauter Erzählen habe ich doch tatsächlich das Lernen wieder vergessen. Keiner war erstaunt dass ich wieder die schriftliche Prüfung nicht bestand. Aber mein Freund, damals, war nun sehr misstrauisch und glaubte mir nicht mehr wenn ich behauptete dass ich fleißig gelernt hätte. Er ackerte das ganze langweilige Zeug brav immer wieder mit mir durch.
Den dritten Prüfungstermin teilte ich sicherheitshalber niemanden mehr mit. Und mit Ach und Krach und grade so bestand ich die schriftliche Prüfung. Nach der praktischen Prüfung fragte mich der Prüfer ob ich ländlichen wohnen würde und gab mir den Führerschein mit der Auflage die nächsten Jahr nur auffen Land zu fahren. Ich versprach es hoch und heilig.
Nun hatte ich den Führerschein glücklich in der Tasche und wollte all meine Lieben an meinem Glück teilhaben lassen. Ich stand in Bielefeld in der Telefonzelle und versuchte die Lieben zu erreichen. Doch es war wie verhext. Keiner da! Niemand. Stunde um Stunde wählte ich die vielen Nummer und nirgends ging einer ran. Selbst Zuhause war keiner.
Ich heulte.
Und versuchte ein letztes mal Zuhause jemanden zu erreichen. Da war dann endlich mein Vater von der Arbeit zurück. Und ich heulte. Ganz doll. Doppelte Heulerei weil keiner da war aber nun doch. Mein Vater brauchte ein Weilchen um aus mir raus zu kriegen was passiert war. Aber dann reagierte er superschnell: "Wo bist du? Bleibt da! Ich komme!!!". Wenn ich nicht so verzweifelt gewesen wäre hätte ich da aufmerken müssen. Denn mit dem Auto war meine Mutter unterwegs und so konnte mein Vater logischerweise nur mit dem Motorrad kommen.
Mein Vater liebte das Fahren. Als ich noch ein Kind war hatten wir eine Tante in einem Kloster, die ab und zu besucht wurde. Der Weg dorthin ging hügelauf und hügelab. Grade Strecken gab es kaum, dafür viele Kurven. Mein Vater war vernarrt in diese Strecke. Man konnte ihn Häuptling Bleifuß nennen. Mit dem Motorrad fhur er aber noch viel lieber. Da macht das Kurvenfahren doch noch viel mehr Spaß. Da wir Kinder alle wussten wie gerne der Papa ab und zu mal rasant Auto fährt und wir auch alle schon gesehen hatten wie flott er mit dem Motorrad davon brauste, hatte keiner von uns das wirkliche Bedürfnis mal bei ihm mit zu fahren. Und dieser Vater kam nun mit dem Motorrad um mich ab zu holen. Aber ich dachte nicht, ich schniefte vor mich hin und wartete sehnsüchtig. Ehe ich meinen Vater sah hörte ich ihn schon. Und empfand unbeschreibliche Freude. Er brauste auf den Parkplatz, dübelte in rassiger Fahrt auf mich zu und es hätte mich nicht gewundert wenn er noch nen kleinen Hinterreifendrehundfunkensprühstunt hingelegt hätte. Er sprang von der Maschine, riss mich in seine Arme, tröstete mich, gab mir Geborgenheit und freute sich über meinen Führerschein. Hach, was ging es mir gut. Vaterarme sind etwas Besonderes!
Und dann musste ich hinten aufs Motorrad! Oh oh!!! Ich saß da, völlig erschöpft wegen der vielen Gefühlswallungen, hielt moch locker hinten an dem Bügel fest und meiner Vater fuhr an. Ich schlug nach hinten, die Füße in die Höhe, zappelte rum und konnte mich so grad noch oben halten. "Du musst dich auch an mir festhalten!" sagte mein Vater und brauste los!
Ich bin seitdem nie wieder hinten auf einem Motorrad mitgefahren. Ich will mir die Erinnerung an diese Höllenfahrt schließlich nicht kaputt machen. Sowas kann niemand toppen. Wenn es schön war soll man aufhören.
Und dann bekam ich noch das wundervolle Gedicht von meinem Vater. "Hurra, sie hat den Führerschein". Ich habe es viele Jahre von einer Wohnung in die nächste mitgenommen. Bei einem meiner vielen Umzüge ist es dann doch verschwunden. Ich vermisse es. Doch die Erinnerung, die bleibt!
